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Lieber
Rolf,
wir kennen uns nun schon fast 35 Jahre lang. In den letzten
Jahren haben wir uns etwas aus den Augen verloren und sind
unterschiedliche Wege gegangen. Das macht aber nichts. Denn
für eine wirklich wichtige, menschlich prägende
Beziehung gilt: Die Verbundenheit bleibt.
Ich freue mich sehr, dass wir beide uns heute wiedersehen,
und auch über die Einladung zu diesem wirklich besonderen
Anlass.
Der Anlass: 50 Jahre Budo, 50 Jahre deines Lebens, die du
dem Budo gewidmet hast. Das heißt: Judo, Karate, Taekwondo
- Aikido - im erweiterten Sinne Budo: auch Tai Chi. 50 Jahre
lang! - Das ist eine lange Zeit.
Rein biologisch betrachtet und auf die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit
bezogen sind das 2-3 Generationen. Auf Budo bezogen weit aus
mehr Generationen. Ca. 5 Jahre beispielsweise braucht ein
guter Aikidoka, bis er selbst Schüler unterrichten kann.
Du hast also ca. - mindestens - 10 weitere Budo-Generationen
auf den Weg gebracht und somit schon Budo-Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Enkel.
So weitreichende Auswirkungen haben deine Bemühungen
im Budo gehabt.
Wie viele, wer und wo deine Budo-Enkel und zahlreichen und
mehrfachen Ur-Enkel sind, ist manchmal etwas unübersichtlich.
Von vielen weißt du wahrscheinlich gar nicht. Und manchen
der Ur-ur-ur- und-so-weiter -Generation ist deine Ur-Vaterschaft
auch nicht mehr bekannt:
Viele Menschen, sehr viele Menschen - und einige davon sind
heute hier - die allermeisten nicht - haben Dir sehr viel
zu verdanken. Dazu gehöre auch ich.
Ich bin sehr froh und glücklich darüber, dass ich
früh in meinem Leben - ich war damals 14 Jahre alt -
die Chance hatte, dich als meinen Aikido-Lehrer, und zwar
Lehrer im wirklichen Budo-Sinne zu haben. Die Idee und Praxis
des Aikido - durch dich, einen exzellenten Lehrer, vermittelt
- hat meinem Leben eine entscheidende Prägung gegeben,
sowohl in ethisch-moralischer Hinsicht, als auch im unmittelbaren
zwischenmenschlichen Bereich - in sportlicher Hinsicht sowieso
- und nicht zuletzt auch in meinem Berufsleben.
Du bist ein Pionier des Budo, ein Mensch, der dem Budo und
dessen Verbreitung sein Leben gewidmet hat. "Der Weg
des Kriegers" ist traditionell geprägt durch starke
moralische Vorstellungen, ist einem Ehrenkodex verpflichtet.
Und in dieser uralten Tradition stehst auch du - in einer
Zeit, in der es fast als unmodern anmutet, Werten und Normen
verpflichtet zu sein. Du vertrittst einen konträren Standpunkt
zur sog. Spaßgesellschaft - das heißt nicht, dass
man mit dir keinen Spaß haben kann - im Gegenteil. Dennoch
bist du bist ein Mann von klaren Prinzipien, ein Mensch mit
Ecken und Kanten. Bei dir weiß dein Gegenüber genau,
woran er oder sie ist.
Du verfügst über herausragende Qualitäten:
im fachlich-technischen Bereich, im methodisch-didaktischen,
im organisatorisch-administrativen Bereich und nicht zuletzt
auch auf der unmittelbaren zwischenmenschlichen Ebene. du
bist kein oberflächlicher Mensch, suchst nicht den schnellen
Konsens mit deinem Gegenüber, nicht die schnelle oberflächliche
Verbrüderung.
Das heißt auch: du bist ein Mann, der den Konflikt nicht
scheut.
Letztendlich ist Aikido per se ja auch keine Konfliktvermeidungsstrategie,
lehrt nicht das Weglaufen vor Konflikten, sondern, nach bestimmten
Prinzipien mit ihnen umzugehen. Es geht nicht darum, aus einem
Gefühl der Schwäche und Hilflosigkeit heraus, anstehenden
Konflikten aus dem Wege zu gehen, sondern Aikido - und Budo
überhaupt - zeigt Wege auf, wie aus einer souveränen
Position heraus mit bestehenden Gegensätzen, mit unterschiedlichen
Polen ohne weitere Eskalation umgegangen werden kann - auf
konstruktive und harmonische Weise.
Diese Prinzipien vertrittst du in besonderer Weise auch im
Umgang mit deinen Schülern. du forderst von deinen Schülern
viel. du forderst und förderst sie. du traust ihnen viel
zu, mutest ihnen viel zu. Mit anderen Worten: Du sprichst
ihnen den Mut zu, sich bestimmten Aufgaben im Leben zu stellen,
eine Verantwortung, nicht nur für das eigene Tun und
Erleben, sondern auch für andere zu übernehmen.
Du betonst das Wechselspiel der Gegensätze, die Pole
Yin und Yang, die sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig
bedingen, den notwendigen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen.
Für dich als Budo-Lehrer, der diese Aufgabe an sich ernst
nimmt, führt dies nicht selten auch zu Konflikten nicht
nur mit deinen direkten Schülern, sondern auch mit den
nachfolgenden Generationen. Dies ist immanent und lässt
sich nicht vermeiden und bietet für beide Seiten große
Chancen der persönlichen Weiterentwicklung.
Unter pädagogisch-psychologischen Aspekten können
wir festhalten: In einer Zeit, in einer Gesellschaft, in der
z.B. Eltern sich kaum trauen bzw. überfordert sind damit,
ihren Kindern ein standfestes Gegenüber zu sein, klare
Grenzen und Orientierung zu vermitteln, ist diese - deine
klare, eindeutige und eben oft auch unbequeme Haltung von
unschätzbarem Wert.
Ich habe dich in der langen Zeit, in der wir uns kennen, von
ganz unterschiedlichen Seiten kennen gelernt:
Als geduldigen Aikido-Lehrer, als Autochauffeur, als strengen
Aikido-Lehrer, als liebevollen und nachsichtigen Lehrer, als
Reiseleitung, als väterliches Vorbild, als Freund, als
Förderer, als strengen und konstruktiven Kritiker, als
motivierenden Berater, als Kumpel, als Autoritätsperson,
als Organisator, als Präsident von ......, als Hausaufgabenhilfe
für mich und Sekretär bzw. Schreibkraft. Ich erinnere
mich an ein Referat zu meiner Schulzeit, das ich im Deutschkurs
halten musste: "Das Drama -13 Seiten lang", mit
dem ich im Verzug war. Du hast es mir schnell mal eben auf
Matrize abgetippt und vervielfältigt, gelegt und geheftet.
Das war damals - vor über 30 Jahren noch in Bad Bramstedt
in der Kantstraße 38, oben in deinem Büro - erinnerst
du dich?
Für die Aikidoka meiner Generation, das 3er-Gespann Roland,
Ulrich und Christiane, warst du also weit mehr als unser Aikido-Lehrer.
Wir waren damals sehr jung und wurden von dir und Helga in
jeglicher Hinsicht unterstützt und gefördert. Wenn
wir Fünf nach einer langen Autofahrt - mit dir als Chauffeur
und Reiseleitung - unterwegs irgendwo Halt machten, sagte
Helga oft: Das sind meine drei Kinder . Und ein bisschen war
es auch so - mit all den Rivalitäten und Rangeleien,
die unter Geschwistern dazu gehören. Wir fuhren damals
fast jedes Wochenende - nachdem wir Blaugurt waren - alle
5 gemeinsam in eurem Auto (anfangs ein blauer VW, dann ein
orange-farbener Audi - auch den taubenblauen Peugeot habe
ich in guter Erinnerung) anfangs nach Belecke, dann sehr bald
nach Walldorf-Mörfelden und später nach Northeim
zu den damals sog. Bundes-Bestenlehrgängen im DJB, später
Bundeslehrgängen im DAB, die du als Lehrer leitetest.
Das lief folgendermaßen ab: Nachdem du uns morgens um
6.00 Uhr, also für uns noch mitten in der Nacht, in der
Regel noch im dunkeln, abgeholt hattest, ging die Reise los.
Ihr beide - du und Helga -saßt vorn - hellwach - dank
Helgas Drogenversorgung mit dem stärksten Kaffee "Marke
Herztod", den ich bislang in meinem Leben getrunken hatte.
Roland, Ulrich und ich lümmelten uns hinten noch schlaftrunken
auf der Rücksitzbank. Mit uns Dreien ging es hinten solange
gut und ruhig zu, wie wir noch müde vor uns hindämmerten.
Wenn wir jedoch aufwachten, so schätzungsweise gegen
10.00 /11.00 Uhr ging es mit dem Gezanke und Gezeter los.
Ich - als angeblich schmales und nachgiebiges Mädchen
- was beides nicht stimmte - musste in der Mitte sitzen, eingekeilt
zwischen Roland und Ulrich: Gequake wie "Nimm deinen
Arm weg, mach dich nicht so breit, nimm dein Knie weg - das
ist mein Platz, usw." waren von der Rückbank zu
hören. Unser Chauffeur Rolf ließ sich von all dem,
von unseren Bemühungen um Ma-ai, die harmonische Distanz
zueinander, nicht aus der Ruhe bringen, fuhr uns sicher und
zügig von Norden nach Süden oder kutschierte uns
von Stau zu Stau am Samstag vormittag.
Ab dem Alter von 16/17 Jahren dann hatten wir auch öfter
mal eine Alkoholfahne, z.B. wenn in Bad Bramstedt Musikfest
war oder wir die vorherige Nacht im Old George, der Diskothek
in Bad Bramstedt, verbracht hatten. Normale Taxifahrer hätten
vielleicht den Transport von Alkoholisierten abgelehnt. du
nicht. Auch weiteren Geruchsbelästigungen waren unsere
Reiseleiter Helga und Rolf ausgesetzt, als dann auch noch
griechisches Essen mit wunderbaren Knoblauchdüften in
Mode kam. Das alles ertrugt ihr gelassen und setztet eure
3 dann ausgeruhten und erholten Schüler am frühen
Nachmittag vor der Sporthalle in Walldorf-Mörfelden ab,
wo wir uns mit Freude, inzwischen gut ausgeschlafen und wieder
gut in Form einem schönen von dir geleiteten Aikido-Training
widmen konnten.
Am Abend nach dem Training trugst du dann öfter dem knapp
bemessenen Taschengeld deiner jungen Reisebegleiter Rechnung
und ludest uns oft zum Abendessen ein. Diese väterliche
und fürsorgliche Haltung uns gegenüber ging weit
über das hinaus, was man von einem guten Aikido-Lehrer
erwartet. Um so schmerzlicher waren für dich sicherlich
die Erfahrungen mit Schülern, deren Wege sich von deinem
Weg trennten.
Dies alles sind für mich sehr schöne Erinnerungen;
ich hoffe, für dich auch.
Vor allem erinnere ich mich auch an Helga, wie sie uns alle
bei diesen Reisen (kostenloser Hol- und Bringedienst inklusive)
- an den Wochenenden nach Walldorf oder Northeim, oder nach
Herzogenhorn im Schwarzwald oder zu internationalen Lehrgängen
nach Heidenheim, nach England/Coventry oder nach Paris oder
nach Zürich oder andere Orte in der Schweiz - alles Ziele,
die ich als Schülerin erstmalig mit Euch gemeinsam kennenlernte
- uns alle wach und bei Laune hielt. Dies tat sie ,wie schon
erwähnt, mit ihrer Spezial-Kaffeedröhnung, die Jugendliche
von heute wahrscheinlich als mega-stark und Hammer-hart bezeichnen
würden, und den Mettwurstbrötchen (eine besondere
Wurst von einem speziellen Bauern aus Bad Bramstedt), von
denen sie immer ein paar für ihre hungrigen Aikido-Schüler
in Reserve hatte.
Und damit, lieber Rolf, sind wir bei einem weiteren wichtigen
Aspekt: Du hast in deinem bisherigen Leben eine Menge bewirkt,
viel in Bewegung gesetzt: Budo als Geschenk, dessen sich der
Beschenkte würdig erweist, indem er es weiter verschenkt.
Das hast du unermüdlich getan. Als kluger und realistischer
Mann weißt du auch, dass dieser hohe zeitliche und emotionale
Einsatz ohne eine Frau wie Helga an deiner Seite in dieser
Form nicht möglich gewesen wäre. Helga, die ja nicht
nur für euren Sohn Volker Mutter ist, sondern auch eine
Art Aikido-Mutter für viele hier - auch für mich,
ist eine Frau, die selbst ja eine Begeisterung und ein hohes
Engagement für Budo und ihre Mitmenschen hat und die
dir in all den Jahren immer zur Seite stand. Insofern gilt
unser aller Dank hier auch dir, liebe Helga.
Lieber Rolf - ich glaube, ich kann hier an dieser Stelle für
uns alle sprechen:
Wir sind froh und glücklich, dass es dich gibt und wir
in der einen oder anderen Weise im Laufe der vergangenen 50
Jahre an deiner Seite sein durften, dich begleiten durften
und du uns begleitet hast.
Herzlichen Dank dafür !
Ich wünsche Dir für die Zukunft weiterhin alles
Gute, Gesundheit, Energie und Zuversicht für die Ziele,
die dir am Herzen liegen. Bitte erhalte dir deine Ecken und
Kanten und deine Rundungen !!!
gez.: Margarete-Luise |
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