Home
Festrede: Frau Margarete-Luise

Seitenindex Begrüßung Aktuelles Aikido Lexikon T'ai Chi Ch'uan Organisation Statistik Interviews Aufsätze Archiv/Bilder Linkliste Impressum Home

Lieber Rolf,

wir kennen uns nun schon fast 35 Jahre lang. In den letzten Jahren haben wir uns etwas aus den Augen verloren und sind unterschiedliche Wege gegangen. Das macht aber nichts. Denn für eine wirklich wichtige, menschlich prägende Beziehung gilt: Die Verbundenheit bleibt.

Ich freue mich sehr, dass wir beide uns heute wiedersehen, und auch über die Einladung zu diesem wirklich besonderen Anlass.

Der Anlass: 50 Jahre Budo, 50 Jahre deines Lebens, die du dem Budo gewidmet hast. Das heißt: Judo, Karate, Taekwondo - Aikido - im erweiterten Sinne Budo: auch Tai Chi. 50 Jahre lang! - Das ist eine lange Zeit.

Rein biologisch betrachtet und auf die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit bezogen sind das 2-3 Generationen. Auf Budo bezogen weit aus mehr Generationen. Ca. 5 Jahre beispielsweise braucht ein guter Aikidoka, bis er selbst Schüler unterrichten kann.

Du hast also ca. - mindestens - 10 weitere Budo-Generationen auf den Weg gebracht und somit schon Budo-Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Enkel. So weitreichende Auswirkungen haben deine Bemühungen im Budo gehabt.

Wie viele, wer und wo deine Budo-Enkel und zahlreichen und mehrfachen Ur-Enkel sind, ist manchmal etwas unübersichtlich. Von vielen weißt du wahrscheinlich gar nicht. Und manchen der Ur-ur-ur- und-so-weiter -Generation ist deine Ur-Vaterschaft auch nicht mehr bekannt:

Viele Menschen, sehr viele Menschen - und einige davon sind heute hier - die allermeisten nicht - haben Dir sehr viel zu verdanken. Dazu gehöre auch ich.

Ich bin sehr froh und glücklich darüber, dass ich früh in meinem Leben - ich war damals 14 Jahre alt - die Chance hatte, dich als meinen Aikido-Lehrer, und zwar Lehrer im wirklichen Budo-Sinne zu haben. Die Idee und Praxis des Aikido - durch dich, einen exzellenten Lehrer, vermittelt - hat meinem Leben eine entscheidende Prägung gegeben, sowohl in ethisch-moralischer Hinsicht, als auch im unmittelbaren zwischenmenschlichen Bereich - in sportlicher Hinsicht sowieso - und nicht zuletzt auch in meinem Berufsleben.

Du bist ein Pionier des Budo, ein Mensch, der dem Budo und dessen Verbreitung sein Leben gewidmet hat. "Der Weg des Kriegers" ist traditionell geprägt durch starke moralische Vorstellungen, ist einem Ehrenkodex verpflichtet. Und in dieser uralten Tradition stehst auch du - in einer Zeit, in der es fast als unmodern anmutet, Werten und Normen verpflichtet zu sein. Du vertrittst einen konträren Standpunkt zur sog. Spaßgesellschaft - das heißt nicht, dass man mit dir keinen Spaß haben kann - im Gegenteil. Dennoch bist du bist ein Mann von klaren Prinzipien, ein Mensch mit Ecken und Kanten. Bei dir weiß dein Gegenüber genau, woran er oder sie ist.

Du verfügst über herausragende Qualitäten: im fachlich-technischen Bereich, im methodisch-didaktischen, im organisatorisch-administrativen Bereich und nicht zuletzt auch auf der unmittelbaren zwischenmenschlichen Ebene. du bist kein oberflächlicher Mensch, suchst nicht den schnellen Konsens mit deinem Gegenüber, nicht die schnelle oberflächliche Verbrüderung.

Das heißt auch: du bist ein Mann, der den Konflikt nicht scheut.

Letztendlich ist Aikido per se ja auch keine Konfliktvermeidungsstrategie, lehrt nicht das Weglaufen vor Konflikten, sondern, nach bestimmten Prinzipien mit ihnen umzugehen. Es geht nicht darum, aus einem Gefühl der Schwäche und Hilflosigkeit heraus, anstehenden Konflikten aus dem Wege zu gehen, sondern Aikido - und Budo überhaupt - zeigt Wege auf, wie aus einer souveränen Position heraus mit bestehenden Gegensätzen, mit unterschiedlichen Polen ohne weitere Eskalation umgegangen werden kann - auf konstruktive und harmonische Weise.

Diese Prinzipien vertrittst du in besonderer Weise auch im Umgang mit deinen Schülern. du forderst von deinen Schülern viel. du forderst und förderst sie. du traust ihnen viel zu, mutest ihnen viel zu. Mit anderen Worten: Du sprichst ihnen den Mut zu, sich bestimmten Aufgaben im Leben zu stellen, eine Verantwortung, nicht nur für das eigene Tun und Erleben, sondern auch für andere zu übernehmen. Du betonst das Wechselspiel der Gegensätze, die Pole Yin und Yang, die sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig bedingen, den notwendigen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen. Für dich als Budo-Lehrer, der diese Aufgabe an sich ernst nimmt, führt dies nicht selten auch zu Konflikten nicht nur mit deinen direkten Schülern, sondern auch mit den nachfolgenden Generationen. Dies ist immanent und lässt sich nicht vermeiden und bietet für beide Seiten große Chancen der persönlichen Weiterentwicklung.

Unter pädagogisch-psychologischen Aspekten können wir festhalten: In einer Zeit, in einer Gesellschaft, in der z.B. Eltern sich kaum trauen bzw. überfordert sind damit, ihren Kindern ein standfestes Gegenüber zu sein, klare Grenzen und Orientierung zu vermitteln, ist diese - deine klare, eindeutige und eben oft auch unbequeme Haltung von unschätzbarem Wert.

Ich habe dich in der langen Zeit, in der wir uns kennen, von ganz unterschiedlichen Seiten kennen gelernt:

Als geduldigen Aikido-Lehrer, als Autochauffeur, als strengen Aikido-Lehrer, als liebevollen und nachsichtigen Lehrer, als Reiseleitung, als väterliches Vorbild, als Freund, als Förderer, als strengen und konstruktiven Kritiker, als motivierenden Berater, als Kumpel, als Autoritätsperson, als Organisator, als Präsident von ......, als Hausaufgabenhilfe für mich und Sekretär bzw. Schreibkraft. Ich erinnere mich an ein Referat zu meiner Schulzeit, das ich im Deutschkurs halten musste: "Das Drama -13 Seiten lang", mit dem ich im Verzug war. Du hast es mir schnell mal eben auf Matrize abgetippt und vervielfältigt, gelegt und geheftet. Das war damals - vor über 30 Jahren noch in Bad Bramstedt in der Kantstraße 38, oben in deinem Büro - erinnerst du dich?

Für die Aikidoka meiner Generation, das 3er-Gespann Roland, Ulrich und Christiane, warst du also weit mehr als unser Aikido-Lehrer. Wir waren damals sehr jung und wurden von dir und Helga in jeglicher Hinsicht unterstützt und gefördert. Wenn wir Fünf nach einer langen Autofahrt - mit dir als Chauffeur und Reiseleitung - unterwegs irgendwo Halt machten, sagte Helga oft: Das sind meine drei Kinder . Und ein bisschen war es auch so - mit all den Rivalitäten und Rangeleien, die unter Geschwistern dazu gehören. Wir fuhren damals fast jedes Wochenende - nachdem wir Blaugurt waren - alle 5 gemeinsam in eurem Auto (anfangs ein blauer VW, dann ein orange-farbener Audi - auch den taubenblauen Peugeot habe ich in guter Erinnerung) anfangs nach Belecke, dann sehr bald nach Walldorf-Mörfelden und später nach Northeim zu den damals sog. Bundes-Bestenlehrgängen im DJB, später Bundeslehrgängen im DAB, die du als Lehrer leitetest.

Das lief folgendermaßen ab: Nachdem du uns morgens um 6.00 Uhr, also für uns noch mitten in der Nacht, in der Regel noch im dunkeln, abgeholt hattest, ging die Reise los. Ihr beide - du und Helga -saßt vorn - hellwach - dank Helgas Drogenversorgung mit dem stärksten Kaffee "Marke Herztod", den ich bislang in meinem Leben getrunken hatte. Roland, Ulrich und ich lümmelten uns hinten noch schlaftrunken auf der Rücksitzbank. Mit uns Dreien ging es hinten solange gut und ruhig zu, wie wir noch müde vor uns hindämmerten.

Wenn wir jedoch aufwachten, so schätzungsweise gegen 10.00 /11.00 Uhr ging es mit dem Gezanke und Gezeter los. Ich - als angeblich schmales und nachgiebiges Mädchen - was beides nicht stimmte - musste in der Mitte sitzen, eingekeilt zwischen Roland und Ulrich: Gequake wie "Nimm deinen Arm weg, mach dich nicht so breit, nimm dein Knie weg - das ist mein Platz, usw." waren von der Rückbank zu hören. Unser Chauffeur Rolf ließ sich von all dem, von unseren Bemühungen um Ma-ai, die harmonische Distanz zueinander, nicht aus der Ruhe bringen, fuhr uns sicher und zügig von Norden nach Süden oder kutschierte uns von Stau zu Stau am Samstag vormittag.

Ab dem Alter von 16/17 Jahren dann hatten wir auch öfter mal eine Alkoholfahne, z.B. wenn in Bad Bramstedt Musikfest war oder wir die vorherige Nacht im Old George, der Diskothek in Bad Bramstedt, verbracht hatten. Normale Taxifahrer hätten vielleicht den Transport von Alkoholisierten abgelehnt. du nicht. Auch weiteren Geruchsbelästigungen waren unsere Reiseleiter Helga und Rolf ausgesetzt, als dann auch noch griechisches Essen mit wunderbaren Knoblauchdüften in Mode kam. Das alles ertrugt ihr gelassen und setztet eure 3 dann ausgeruhten und erholten Schüler am frühen Nachmittag vor der Sporthalle in Walldorf-Mörfelden ab, wo wir uns mit Freude, inzwischen gut ausgeschlafen und wieder gut in Form einem schönen von dir geleiteten Aikido-Training widmen konnten.

Am Abend nach dem Training trugst du dann öfter dem knapp bemessenen Taschengeld deiner jungen Reisebegleiter Rechnung und ludest uns oft zum Abendessen ein. Diese väterliche und fürsorgliche Haltung uns gegenüber ging weit über das hinaus, was man von einem guten Aikido-Lehrer erwartet. Um so schmerzlicher waren für dich sicherlich die Erfahrungen mit Schülern, deren Wege sich von deinem Weg trennten.

Dies alles sind für mich sehr schöne Erinnerungen; ich hoffe, für dich auch.

Vor allem erinnere ich mich auch an Helga, wie sie uns alle bei diesen Reisen (kostenloser Hol- und Bringedienst inklusive) - an den Wochenenden nach Walldorf oder Northeim, oder nach Herzogenhorn im Schwarzwald oder zu internationalen Lehrgängen nach Heidenheim, nach England/Coventry oder nach Paris oder nach Zürich oder andere Orte in der Schweiz - alles Ziele, die ich als Schülerin erstmalig mit Euch gemeinsam kennenlernte - uns alle wach und bei Laune hielt. Dies tat sie ,wie schon erwähnt, mit ihrer Spezial-Kaffeedröhnung, die Jugendliche von heute wahrscheinlich als mega-stark und Hammer-hart bezeichnen würden, und den Mettwurstbrötchen (eine besondere Wurst von einem speziellen Bauern aus Bad Bramstedt), von denen sie immer ein paar für ihre hungrigen Aikido-Schüler in Reserve hatte.

Und damit, lieber Rolf, sind wir bei einem weiteren wichtigen Aspekt: Du hast in deinem bisherigen Leben eine Menge bewirkt, viel in Bewegung gesetzt: Budo als Geschenk, dessen sich der Beschenkte würdig erweist, indem er es weiter verschenkt. Das hast du unermüdlich getan. Als kluger und realistischer Mann weißt du auch, dass dieser hohe zeitliche und emotionale Einsatz ohne eine Frau wie Helga an deiner Seite in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Helga, die ja nicht nur für euren Sohn Volker Mutter ist, sondern auch eine Art Aikido-Mutter für viele hier - auch für mich, ist eine Frau, die selbst ja eine Begeisterung und ein hohes Engagement für Budo und ihre Mitmenschen hat und die dir in all den Jahren immer zur Seite stand. Insofern gilt unser aller Dank hier auch dir, liebe Helga.

Lieber Rolf - ich glaube, ich kann hier an dieser Stelle für uns alle sprechen:

Wir sind froh und glücklich, dass es dich gibt und wir in der einen oder anderen Weise im Laufe der vergangenen 50 Jahre an deiner Seite sein durften, dich begleiten durften und du uns begleitet hast.

Herzlichen Dank dafür !

Ich wünsche Dir für die Zukunft weiterhin alles Gute, Gesundheit, Energie und Zuversicht für die Ziele, die dir am Herzen liegen. Bitte erhalte dir deine Ecken und Kanten und deine Rundungen !!!

gez.: Margarete-Luise