Von André Nocquet,
8. Dan Aikido
(Bearbeitet
durch Rolf Brand, 8. Dan Aikido)
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O
Sensei Morihei Ueshiba
Begründer des Aikido
geboren am 14.12.1883
gestorben am 26.04.1969
(Bild: Frantz Priking, 3. Dan Aikido)
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Es ist an einem sonnigen Dezembernachmittag des Jahres
1957, als ich Japan verlasse. Zahlreiche Freunde begleiteten mich
zum Hafen von Yokohama, wo ich mich mit dem Ziele San-Francisco
einschiffte, das über Hawai erreicht werden sollte. Die Stunde
der Trennung von liebgewonnenen Menschen lastete schwer auf meinem
Herzen, woran auch ihre aufmunternden Worte nichts zu ändern
vermochten.
Im Augenblick des Aufbruches zog mich mein verehrter
Lehrer, O Sensei Morihei Ueshiba, plötzlich zur Seite und sagte
ernst: "Es ist ein großes Geschenk, wenn man die Heimat
bald wiedersieht. Übermitteln Sie nach Ihrer Rückkehr
allen Menschen meine Botschaft von Frieden und Glück."
Ich lehre einen Weg der Gewaltlosigkeit. Im Aikido
gibt es keinen Gegensatz körperlicher Kräfte, von denen
die stärkere und aggressivere wie selbstverständlich über
die schwächere und friedliebende triumphiert; wir finden vielmehr
eine sich vertiefende Verbindung gegensätzlicher Geisteshaltungen,
von denen die humanere überlegen ist. Dieses Prinzip der Selbstverteidigung
zwischen Einzelwesen läßt sich auch auf Völker übertragen,
die in gefährlicher Opposition zueinander stehen.
In unserer Welt bekämpfen sich auch gegenwärtig
große Mächte in allen Bereichen der menschlichen Aktivitäten.
Als Produkt scharfsinniger Forschungen auf technischem Gebiet werden
täglich neue mörderische Waffen geschaffen, die Unglück
und Verzweiflung auf jeden Teil der Erdkugel tragen können.
Beträchtliche Mittel werden verschlungen, um den Völkern
die erstrebte Sicherheit zu gewähren.
Vergessen Sie nicht die in einem Theaterstück
Ihres Landes aufgezeigte Moral. In dem Streben nach Macht über
andere Menschen schuf der Mediziner ein Monster. Zu seinem und vieler
Menschen Unglück gelang es ihm nicht, das Produkt seines Geistes
zu meistern. Er hatte nicht an die unvermeidlichen Folgen seines
aus niederen Motiven entstandenen Werkes gedacht. So mußten
sich Schrecken und Tod zwangsläufig gegen ihn selbst richten.
Hier zwingt sich ein Vergleich auf. Wie viele schöpferische
Kräfte werden von den Menschen aufgewendet, um die Grenzen
des Faßbaren übersteigende Massenvernichtungsmittel zu
schaffen? Wie hilflos sind diese Menschen gleichzeitig in ihrem
Bemühen, deren Auswirkungen zu kontrollieren! Was würde
in einem Weltkonflikt geschehen? Jeder Mensch ist bedroht und es
kann weder Sieger noch Besiegte geben! Das eigentliche Problem der
Auseinandersetzung wird nicht darin bestehen, wie man seinen Gegner
unterwerfen kann; es gilt vielmehr, Möglichkeiten für
das eigene Überleben zu finden! Jeder Mensch, der diese Feststellung
in ihrer ganzen Tragweite erkennt, wird auf die bedingungslose Vernichtung
seines Gegners verzichten und vielmehr versuchen, ihn so zu lenken,
dass er seine aggressive Gesinnung als Folge einer höherer
Einsicht aufgibt.
Wie Sie wissen, ist der Mensch in zwei Bereichen
verwurzelt: zunächst im irdischen, weil er ein Teil der Natur
ist und ihren ewigen Gesetzen unterliegt. Von seinem Schöpfer
im Himmel wurden ihm aber auch Seele und Geist geschenkt. Gerade
diese Eigenschaften unterscheiden ihn vom Tier und sie allein können
allen Menschen den Sieg des Friedens bringen, der als Zustand höchster
Glückseligkeit bisher immer vergeblich gesucht wurde."
Mein alter Lehrer schweigt! In diesem Augenblick
begreife ich, dass seine Botschaft der Wahrheit, die er mir anvertrauen
wollte, nicht durch Worte ausgedrückt werden kann. In den sich
anschließenden Minuten verschmolzen unsere Seelen, und ich
erahnte die Bedeutung einer mir in jahrelanger körperlicher
Übung vermittelten Idee, deren klarer Sinn vielen Menschen
bisher verborgen geblieben war. Ich umarmte meinen Lehrer, wobei
alle Anwesenden "Banzai" riefen, was "Viel Glück"
bedeutet. Aber der Meister kannte das Geheimnis der Unbeständigkeit
der Menschen und ihre Sehnsucht nach dem Glück, das sie doch
selbst herbeiführen könnten. So flüsterte er mir
zu: "Shikata Ganai" - da kann man nichts machen."
Drei Jahre hatte ich das unschätzbare Vorrecht,
unter der persönlichen Anleitung des Aikido-Begründers,
O Sensei Morihei Ueshiba, zu leben und konnte während dieser
Zeit fern aller störenden Einflüsse meine Studien betreiben.
Es ist für mich seit dieser Zeit eine freudig übernommene
Pflicht und ein wohltuender innerer Zwang, die an der Quelle empfangene
Lehre des Aikido zu verbreiten.
Der Geist dieses Budo ist friedlich und hat die
Vergangenheit sowie das Leben der Japaner sehr beeinflußt.
Zahlreiche Interpreten haben versucht, das Aikido mit anderen Budo-Disziplinen
zu vergleichen, etwa mit dem Judo, das inzwischen zu einer in der
ganzen Welt verbreiteten Sportart wurde. Sie vergessen dabei oft,
dass Aikido ein über die körperliche Übung sichtbar
gemachter moralischer Weg ist, der das geistige Leben in Japan seit
mehr als tausend Jahren positiv prägt. Es ist jene unbestimmbare
Kraft, die viele Besucher bisher vergeblich zu durchdringen versuchten;
eine Stimme des Unterbewußtseins, die auch den überlieferten
und bewahrten Geist des modernen Japan ausmacht.
Wenn wir als Schüler des Aikido den wertvollen
Weg achten und lieben, so sind wir auf der Suche nach diesem wertvollen
Geheimnis. Da es immer Menschen gibt, die mit allen Fasern ihres
Herzens nach der Wahrheit streben, wird sich auch das oft noch verkannte
Aikido zum Nutzen der Menschheit verbreiten.
Wie in jedem Land wurden auch in Japan früher
Künste entwickelt, die in erster Linie dem Kampfe sowie zur
Verteidigung gegen bewaffnete und unbewaffnete Angreifer dienten.
Die technischen Unterschiede bestanden darin, dass man sich seinem
Gegner entgegenwarf, die Verrenkung seiner Gelenke herbeiführte,
Schläge und Stöße auf lebenswichtige Körperstellen
richtete oder die eigene Waffe optimal zur Anwendung brachte.
Die Pflege dieser Künste war aus Gründen
der Selbsterhaltung zunächst sehr wichtig. Bedingt durch äußere
Einflüsse, neue Gesetze und veränderte moralische Auffassungen
war im 18. Jahrhundert ihr langsamer Verfall festzustellen. Auf
der Suche nach neuen Lebensinhalten und -formen kam man zu der Auffassung,
dass die bis dahin praktizierten Prinzipien des Zweikampfes menschenunwürdig
wären, ohne allerdings seine vielfältigen und oft verschleierten
Erscheinungsformen zu negieren.
Zum Glück verstand es O Sensei Jigoro Kano,
ein neues System zu schaffen, das physisches und geistiges Training
harmonisch miteinander verbindet. Er nannte es Judo (sanfter Weg),
das als Sport mit tiefen erzieherischen Inhalten und körperbildenden
Werten heute in der ganzen Welt bekannt ist. Parallel zu den Anstrengungen
von O Sensei Jigoro Kano setzten andere Meister ihre Übungen
fort. Sie suchten und fanden neue Systeme.
In jeder an den Regeln des sportlichen Wettkampfes
orientierten Begegnung muß man jedoch auf die Anwendung gefährlicher
Angriffs- und Verteidigungstechniken verzichten oder darf sich nur
auf ihre Andeutung beschränken. Aus diesem Grunde wurden die
wesentlichen Aspekte und effektiven Techniken des Jiu-Jitsu sowie
des Aiki-Jitsu schnell verworfen und bald vergessen.
Der geniale Budo-Meister Morihei Ueshiba erkannte,
dass jede Verteidigungstechnik wertneutral und daher nicht von sich
aus gefährlich oder schlecht ist, solange der Ausführende
die Gesetze der Nächstenliebe konsequent achtet und ständig
zu realisieren sucht. Er studierte die Techniken und Prinzipien
des Jiu-Jitsu sowie des Aiki-Jitsu und schuf ein bemerkenswertes
System, das er Aiki-Budo und später Aikido nannte.
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AI
Liebe, Harmonie
KI
universale
geistige Kraft
DO
Weg, Methode, Prinzip |
Aikido ist im körperlichen Bereich eine gelungene
Synthese verschiedener martialischer Künste, wobei vorwiegend
Techniken praktiziert werden, die im Wettkampfsport verboten sind.
Dies ist nur deswegen ohne Schaden für die Ausübenden
möglich, weil dem Aikido die strikte Idee vom Frieden, der
mit Macht edler menschlicher Gefühle hergestellt wird, zugrunde
liegt.
Es ist sehr schwierig, die gesamte Lehre des Aikido
mit Worten zu beschreiben. "AI" bedeutet "in Harmonie
vereinen", "KI" ist die "geistig-seelische aber
auch universale Kraft" und "DO" der "Weg".
Schon in der Wortwahl ist zum Ausdruck gebracht, dass es darauf
ankommt, seinen Geist in harmonische Übereinstimmung mit dem
Geist anderer Menschen und in Einklang mit den göttlichen Gesetzen
zu bringen. Dies gilt auch im Bereich der Wirklichkeit, denn die
hier herrschenden physikalischen Gesetze sind ein Ausdruck des Schöpferwillens.
Alle Techniken des Aikido sind nur körperliche
Übungs- und Ausdrucksformen dieses übergeordneten geistigen
Prinzips. Wer die tiefgründige Lehre des Aikido verstehen will,
muß die Gedanken des Begründers, O Sensei Morihei Ueshiba,
nachvollziehen. Er ordnete der körperlichen Konstitution oder
der physischen Kraft nur eine geringe Bedeutung zu und vertrat mit
der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit die Auffassung, dass
der Geist die Materie beherrschen kann. Diesen Weg kann der Aikidoka
jedoch nicht allein, sondern nur in harmonischer Verbindung mit
dem Willen seines Schöpfers und gemeinsam mit anderen Menschen
gehen.
In unserer vorwiegend materialistisch determinierten
Zeit werde ich gemäß der Botschaft meines verehrten Meisters
immer verkünden, dass Aikido ein neuer Weg des Friedens ist.
Wenn es möglich ist, die aufgezeigte höhere Einsicht bei
Individuen zu wecken, so wird man zugeben müssen, dass sie
auch zwischen den Nationen der Erde bestehen kann. Wäre es
folglich nicht sinnvoll, künftige Führungskräfte
zu formen, indem man eine wertvolle geistige Lehre eng mit der körperlichen
Ausbildung verbindet? Jede Nation, die so verfährt, könnte
über ein Potential an würdigen Menschen verfügen,
das höher zu bewerten ist, als die größte zerstörerische
Kraft aller Waffen. Diese Führungskräfte wären ständig
bemüht, ihnen anvertraute oder erworbene Macht zum Wohle und
zum Fortschritt der Menschheit einzusetzen.
Fragt ein Außenstehender nach dem Wesen des
Aikido, so kann man ihm antworten, dass es die Lehre von der Harmonie
aller Gedanken, Worte und Handlungen ist. Durch körperliche
Übungen erlaubt Aikido ein Studium physischer und geistiger
Zusammenhänge. Es bietet den aufmerksamen Schülern ein
unbegrenztes Betätigungsfeld mit bemerkenswerten Möglichkeiten.
Ihm wird anschaulich und eindringlich bewiesen, dass sein Leben
von unveränderlichen Gesetzen abhängig ist, die jedes
Zusammenwirken von Geist und Körper ebenso regeln, wie sein
Verhältnis zu anderen Menschen oder zur Umwelt.
Nur ein ausgeglichener Mensch erkennt diesen zarten
Mechanismus und kann ihn beeinflussen. Er erwirbt, was viele Menschen
vergeblich suchen: eine grenzenlose innere Freiheit als Ausdruck
der in sich ruhenden starken Persönlichkeit, die Möglichkeit
zur Überwindung der Hindernisse des Lebens, den erfolgreichen
Einsatz aller geistigen Kräfte unter Ausschaltung störender
Emotionen und eine jeden unnötigen Aufwand vermeidende heitere
Gelassenheit.
Die fundamentalen Techniken des Aikido basieren
auf dem Prinzip des Eintretens (Irimi) und des Ausweichens (Tenkan).
Letzteres will jedoch nicht im Sinne von "Nachgeben" oder
"kein Interesse zeigen" verstanden sein. Der Ausführende
vermeidet lediglich im "Augenblick" das spontane Engagement,
bewahrt sich so die Freiheit der Entscheidung oder des Handelns
und kann seine eigenen Möglichkeiten folglich jederzeit optimal
zur Geltung bringen, wenn dies zweckmäßig oder notwendig
ist.
Ein weiteres Grundmerkmal, das Aikido völlig
von ähnlichen Künsten unterscheidet, liegt darin, dass
es die Entfaltung des Angreifers zuläßt, was bei oberflächlicher
Betrachtung zunächst paradox erscheint. Der Verteidiger wartet
im Zustand geistig-seelischen und körperlichen Gleichgewichtes
den Angriff ab. Nur diese Methode der "beobachtenden Passivität"
erlaubt es, die Absicht des Angreifers, Stärke und Richtung
der wirkenden Kraft, sowie schwache Punkte zu erkennen. Durch Ausweichen
wird dem Angreifer das Ziel seiner Bemühungen genommen, wonach
die entfaltete Kraft entweder wirkungslos verpufft oder auf der
Linie des Verteidigers verstärkt gegen den Initiator gerichtet
wird, so dass dieser als Folge einer schmerzhaften Belehrung häufig
vor Vollendung des Angriffes seine niedere Absicht aufgeben muß.
Die Art der Verteidigung wird so auf natürliche
Weise durch die Art und Stärke des Angriffes bestimmt. Der
Angreifer wird ständig so gelenkt, dass er die Nutzlosigkeit
seines Bemühens einsieht und die feindliche Gesinnung freiwillig
aufgibt.
Alle Techniken des Aikido beeindrucken den Außenstehenden
durch ihre Schnelligkeit und Präzision, was ein ernsthaftes
Training von vielen Jahren voraussetzt. Am Beginn der Studien steht
ein intensives und ausdauerndes Forschen nach dem eigenen Leistungsvermögen,
wobei die Bedeutung des statischen und dynamischen Gleichgewichtes
einen hervorragenden Platz einnimmt. Es gilt, eine perfekte innere
(geistige) und äußere (körperliche) Stabilität
zu erwerben, die sowohl im allgemeinen Verhalten als auch in realen
Verteidigungssituationen von erfolgsbestimmender Bedeutung ist.
Die erzieherischen Grundübungen dulden keine
Mittelmäßgkeit und sind mit großer Intensität
ständig zu wiederholen, da nur auf diesem Wege die verworrenen
Gefühle konzentriert und die häufig unnatürlichen
Bewegungen kultiviert werden können. Der aufgezeigte Weg führt
zwangsläufig zu Fortschritten in den körperlichen und
technischen Bereichen. Die ständige Überwindung der eigenen
Unzulänglichkeiten fördert aber auch Selbstvertrauen,
Konzentrationsfähigkeit, innere Ruhe und geistige Überlegenheit.
Mit zunehmendem Training werden die visuellen Empfindungen
sowie die Möglichkeiten einer instinktiven Orientierung beträchtlich
verbessert und sicherer Besitz des Unterbewußtseins. Erst
von diesem Zeitpunkt an kann der Aikidoka durch Anmut, Eleganz,
Geschicklichkeit und Geschmeidigkeit alle Nachteile ausgleichen,
die von der brutalen Kraft eines starken und bösartigen Angreifers
ausgehen.
Physikalisch gesehen können die Bewegungen
des Aikido mit dem Schwingen eines Pendels verglichen werden. Der
Angreifer wird hierbei unwiderstehlich in eine vom Zentrum des Verteidigers
ausgehende Kreisbewegung aufgenommen und damit in den Zustand des
permanent labilen Gleichgewichts gebracht. Hier gehorcht der den
physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfene Körper
dem aggressiven Geist nicht mehr. Dem Angreifer wurden somit alle
Möglichkeiten genommen, sich seiner natürlichen körperlichen
Mittel zu bedienen.
Der Verteidiger befindet sich bei allen Aktionen
außerhalb oder im Zentrum der wirkenden Kräfte und bleibt
gleichsam unberührt. Er allein ist in der Lage, den Angreifer
aus seinem selbst herbeigeführten Zustand körperlicher
und geistiger Hilflosigkeit zu befreien, wobei die Grundsätze
der Nächstenliebe beachtet werden.
Alle Techniken des Aikido sind daher auf die Konstitution
der Menschen abgestimmt und beanspruchen die Gelenke entsprechend
ihrer natürlichen Flexibilität bis zu einem Punkt, an
dem die zwingende Schmerzschwelle ohne bleibende Schäden erreicht
ist. Aikido ist aufgrund aller Inhalte ein System der Selbstverteidigung
für Menschen des Ausgleichs, denen es widerstrebt, Böswilligkeit
mit Haß, Feindschaft mit Gewalt und Kraft mit Heftigkeit zu
erwidern. Sie werden erkennen, dass der Geist die körperliche
Natur beherrschen kann und in ihrem Leben eine Summe unschätzbarer
Wohltaten empfangen.
Die Wirksamkeit der Technik des Aikido- Begründers,
O Sensei Morihei Ueshiba, war zwingend und wohltuend zugleich. Alle
Bewegungen verband er mit dem Kiai, der seinem Wesen entsprang und
die Herzen der Menschen in zarte, harmonische Schwingungen versetzte.
In diesem Stadium des Aikido gab es weder Angriff noch Verteidigung.
Man nahm an einer Aufeinanderfolge von unerklärlichen Erscheinungen
teil, aber in Wahrheit gab es nur das Wirken des überlegenen
Geistes einer großen Persönlichkeit.
Die tönende und schwingende Natur war für
ihn eine sichtbare Geste der Schöpfung und ein immer neues
Erlebnis. In der harmonischen Übereinstimmung mit ihr schuf
er sein System der vollkommenen Verbindung von Gedanken, Worten
und Handlungen - Aikido. Sein Leben war erfüllt von ständiger
Suche nach Wahrheit und höchster Geistigkeit. O Sensei Morihei
Ueshiba war ein genialer Künstler, dessen Lebenswerk in den
technischen Formen die Schönheit und Reinheit seiner Bemühungen
widerspiegelt.
Noch im Alter von 86 Jahren fürchtete er weder
Entbehrung noch Anstrengungen, neidische Feindlichkeit oder ungerechte
Kritiken. Er opferte seine Kräfte nur dem Großen und
Schönen, war allen edlen Gefühlen zugänglich und
begeisterte mit der Kraft seiner Persönlichkeit.
Wer im Aikido lediglich ein bemerkenswertes System
der Selbstverteidigung sieht, wird der Wahrheit nicht gerecht; es
handelt sich vielmehr um einen Weg der menschlichen Vervollkommnung!
Im Verlaufe meines Aufenthaltes bei O Sensei Morihei Ueshiba wurde
ich davon überzeugt, dass der Geist sich vom Körper lösen
kann, um seine erhabene Pracht ringsum zu werfen. Geblendet durch
das Licht der Wahrheit und geschlagen von der erkannten Häßlichkeit
ihrer eigenen Absichten fanden sich alle Feinde entmutigt.
So praktiziert und vorgelebt ist Aikido eine unschätzbare
Lebenshilfe für den Einzelnen und ein wertvolles Prinzip für
jede Gemeinschaft. Es lebt auch nach dem Tode des Aikido-Begründers
ungetrübt in den Herzen seiner aufrichtigen Schüler weiter.
"Dringt nicht der belebende Sonnenstrahl", so sagt ein
Sprichwort, "von allein in das Zimmer, wenn die Tür geöffnet
wird?" Also sollten wir auch unsere Herzen öffnen, um
die wertvolle Botschaft des O Sensei Morihei Ueshiba zu empfangen
und durch Arbeit an uns selbst zu verinnerlichen, damit sie sich
auf alle Lebensbereiche überträgt und ihre Wirkung entfaltet
- zum Wohle vieler Menschen.
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