
Was für ein eindrucksvoller Anblick! In der Alten Festhalle
in Musberg säumten über 90 Aikidoka das Mattenrechteck
gegenüber der Kamiza-Seite. Hier stand Rolf Brand, 8. Dan
Aikido. Er war der Anlass für die überwältigende
Teilnehmerzahl zu Beginn des Landeslehrgangs der Aikido-Union
Baden-Württemberg (AUBW) am ersten Dezemberwochenende 2006.
Einige Anfänger hatten noch kurz davor im heimischen Verein
ihre Gelb-gurtprüfung absolvieren dürfen, um bei diesem
Ereignis aktiv dabei sein zu können. Sie kannten Meister
Rolf Brand nur vom Hörensagen und wollten ihn unbedingt wenigstens
einmal selbst erlebt haben. Handelte es sich doch um den letzten
offiziellen Lehrgang, den der hoch gerühmte Aikido-Lehrer
hier vor seinem Rücktritt von allen Aikido-Ämtern am
7. Februar 2007 gab. Deswegen waren auch viele Aikido-Meister
bis hin zum 4. Dan gekommen, zum Teil sogar aus anderen Verbänden.
Lehrgangsleiterin ISI Morgenstern vermutete in ihrer Begrüßung,
dass Meister Rolf während der langen Bahnfahrt von Lübeck
nach Stuttgart sich etwas Schönes für dieses Training
ausgedacht hätte.
Doch
Rolf entgegnete lachend, er habe sich dazu überhaupt noch
keine Gedanken gemacht. Einem Meister mit über 50-jähriger
Erfahrung stünde es schlecht an, sich noch detailliert vorbereiten
zu müssen. Er lasse während des Mokuso (Konzentration)
die Atmosphäre des Dojo auf sich wirken und unterrichte dann
spontan - Aikido.
Rolf, der im April 2007 seinen 75. Geburtstag feiern kann, leitete
das Aufwärmtraining selbst und beeindruckte diejenigen, die
ihn noch nicht kannten, bereits damit. Spielerisch entwickelte
er im Technikteil sein Hauptthema für diesen zweitägigen
Lehrgang: die drei Kreise.
Für
die Kyu-Grade sei bei den Aikido-Techniken die korrekte Ausführung
der großen Kreise wichtig, für die unteren Dan-Grade
die der mittleren und für die höheren Dan-Grade die
der kleinen. "Meister Brands Kreise - oft kopiert und nie
erreicht", schmunzelte Rolf bei der Demonstration seiner
Techniken. Und wie recht er hatte! Ob zum Beispiel beim Kaiten-Nage,
Irimi-Nage oder Kokyu-Nage - jeder Teilnehmer hatte Mühe,
auf seinem Leistungsniveau die in verschiedenen Ebenen liegenden
und sich oft überlagernden Kreise und Spiralen optimal umzusetzen.
Der verehrte Aikido-Lehrer betreute die große Trainingsgruppe
sehr individuell. Für manche kam es einem Ritterschlag gleich,
von ihm ein Lob zu erhalten: "Wenn man den Irimi-Nage so
macht, dann kommt auch der Weihnachtsmann mit schönen Gaben!"
Andere wollten möglichst alles mitnehmen, was sie an diesem
Wochenende von ihm erhalten konnten, und hingen auch bei den Anekdoten,
die Rolf themenbezogen aus seinem langen Budo-Leben erzählte,
aufmerksam an seinen Lippen.
Am Sonntagvormittag überglänzte die Wintersonne die
Wehmut, die sich im Dojo ausbreitete. Das sollte nun die letzte
Trainingseinheit sein, die wir von Rolf als faszinierendem Aikido-Lehrer
erhalten würden. Er ließ in zwei Gruppen üben,
wobei die Dan-Grade bei Stabtechniken sich um kleine Kreise bemühen
konnten, die Schülergrade um große Kreise bei den für
sie angemessenen Grundtechniken.
Gegen Ende des Lehrgangs bewegte Meister Rolf uns alle mit einer
sehr persönlichen Abschiedsrede. Wir saßen im Kreis
um ihn herum und hatten teilweise Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
Für die gastgebende Aikido-Gruppe vom TSV Musberg bedankte
sich ISI Morgenstern mit Meditationsmusik auf CD. Ein Weingeschenk
gab es von Jürgen Weithofer im Namen der einladenden AUBW.
Für die Aikido-Union Deutschland (AUD) sprach Dr. Stephan
Gronostay in seiner Eigenschaft als Vizepräsident Organisation
und gleichzeitig als langjähriger Schüler von Meister
Rolf. In seiner Rede dankte er für dessen Tätigkeit
als Initiator, Gründer und überragendem Lehrer und vor
allem Kyoshi der AUD. Für den Verband überreichte er
im blauen Schmuckkarton eine Sonderanfertigung der Porzellanmanufaktur
Höchst: einen Wandteller mit dem farbigen AUD-Emblem im Platinrand,
auf der Rückseite eine persönliche Widmung an Rolf durch
das Präsidium.
Am Schluss legte Rolf Brand uns allen eine Botschaft von Antoine
de Saint-Exupéry ans Herz: "Geh´ nicht nur die
glatten Strassen! Geh´ Wege, die noch niemand ging, damit
du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub!"
Als Schlüsselfigur für die Entwicklung und Förderung
des Aikido in Deutschland und Europa hat er selbst gerade das
getan.
Harald Ketzer
SC Steinberg 1953 e.V.